Es war ein sehr unterhaltsamer Abend, den die Gäste am Dienstagabend im Thomas-Dehler-Haus geboten bekamen. FDP-Generalsekretär Christian Lindner hatte für alle Beteiligten einen breiten Weg geebnet, die verschiedenen Facetten unserer heutigen Mediendemokratie zu beleuchten, zu bewerten und einzuordnen.
Dabei ging es um die Selbstwahrnehmung von Journalisten und Politikern, welchen Veränderungen sind Journalisten durch die digitalen Medien ausgesetzt, wie wirkt sich das auf die politische Berichterstattung aus und nicht zuletzt die Frage: Wer kontrolliert eigentlich die 4. Gewalt? Alles Fragen, die nicht abschließend geklärt werden konnten, aber einen erhellenden Einblick in die Rollenverteilung zwischen Politikern und Journalisten in unserer Demokratie zuließen.
Dafür sorgte das hochkarätig besetzte Podium: "Der Spiegel"-Autor Jan Fleischhauer, der stellvertretende Chefredakteur "Die Zeit" Bernd Ulrich und Dr. Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz. Während erstere unterschiedliche Ansätze vertraten und immer wieder durchblitzen ließen, dass hier zwei Journalisten sitzen, die die Interessen ihrer konkurrierenden Blätter vertreten, holte Kepplinger alle durch seine empirischen Studien wieder auf den Boden der Tatsachen.
Der frühere Assistent von Elisabeth Noelle-Neumann und mit ihr ein Wegbereiter der Mainzer Schule beobachtet die Medienlandschaft in Deutschland seit 40 Jahren und konstatierte: "Anfang der 70er Jahre waren die Eliten in Politik und Medien übereinstimmend der Meinung, dass die Politik mehr Macht hat als die Medien. Knapp vierzig Jahre später, 2008, waren die Bundestagsabgeordneten und die Hauptstadtkorrespondenten übereinstimmend der Meinung, dass die Medien mehr Einfluss auf die Politik haben als die Politik auf die Medien." Aus Sicht der Führungseliten in beiden Bereichen habe es demnach eine Machtverlagerung von der Politik auf die Medien gegeben. Die Hauptstadtjournalisten wollten dagegen die eindeutige Übermacht - also noch mehr Macht für die Medien und noch weniger für die Politik. "Hier zeigt sich ein Machtanspruch, der mit den Grundlagen einer repräsentativen Demokratie nur schwer vereinbar ist", so Kepplinger.
Jan Fleischhauer, Karl-Hermann-Flach-Preisträger 2010, hat es mit seinem Bestseller "Unter Linken" geschafft, dass mal Linke nicht über den Rest der Republik lachen, sondern umgekehrt. Er sagt: "In der Meinungswirtschaft, in der ich mein Geld verdiene, gibt es praktisch nur Linke." Fleischhauer hat in seinem Buch den Beleg gleich mitgeliefert. Bei einer redaktionsinternen Abstimmung in der eher als konservativ-liberal angesehenen ‚Welt’ lag Rot-Grün „mit weitem Abstand vorn." Gleichwohl hat er kein Problem damit, dass Journalisten politische Überzeugungen haben. "Hindert uns die politische Voreingenommenheit, die politische Haltung oder die politische Richtung, der wir zuneigen, unseren Job zu machen? Ich glaube nicht."
Fleischhauer wirft seinen Kollegen jedoch „einen klassischen Fall von Selbstadelung“ vor: „Ich lese immer, dass die Medien die ‚vierte Gewalt‘ seien, im Grundgesetz steht davon allerdings nichts.“
Bernd Ulrich, der seine berufliche Laufbahn als Mitarbeiter beim Fraktionsvorstand der Grünen im Deutschen Bundestag begonnen hat, wiederum sucht bei der Wechselwirkung von Politik und Medien die Schuld bei den Politikern: „Wenn die Politiker schlechte Politik machen oder gute Politik schlecht erklären, dann verblöden auch die Medien und keiner kauft uns mehr.“
Er erkennt einen Qualitätsverlust der Nachrichten ebenso an wie die Tatsache, dass sich die Medien zu einem eigenen Machtfaktor entwickelt haben. Im Gegensatz zu Kepplinger sieht er die Medien dabei aber als reaktiv und nicht politisch motiviert an. Auch beim Thema Politikverdrossenheit sieht er im Gegensatz zu Kepplinger die Medien durchaus als Katalysator, aber nicht als Teil des eigentlichen Problems.
Ulrich wies auch daraufhin, dass sich die Medienwelt durch den Online-Journalismus gewandelt hätte: "Der Journalist ist nicht mehr der Gatekeeper, denn die Stadtmauer fehlt." Durch das Internet hätte jeder Leser jederzeit alle Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Für Ulrich ist das aber ein Gewinn.
Kepplinger, der sich seit geraumer Zeit der Frage von Rationalität von Politik und Medien widmet, ging sowohl mit Politikern als auch Journalisten hart ins Gericht. Die These des Kommunikationswissenschaftlers: Viele Journalisten überschätzen sich selbst und haben eigene Machtfantasien. Den Politikern wiederum attestierte er, dass diese sich durch das tägliche Verfolgen der Berichte von den Medien leiten lassen würden. Damit sei der direkte Einfluss der Medien auf Politiker größer als ihr indirekter Einfluss über die Wahlbevölkerung.
Der Professor bestätigt aber auch die These von Fleischhauer zur überwiegenden Besetzung der Redakteursbüros in den bundesdeutschen Medien durch Linke. Studien belegen, dass die Mehrheit der Journalisten in den meinungsbildenden Medien eher der politischen Linken zuneigen, während die Mehrheit in der Bevölkerung im Vergleich dazu eher rechts davon steht, mit der Konsequenz, dass die meinungsbildenden Medien vor allem kontroverse Themen nicht so darstellen, wie die Bevölkerung sie sieht.
Kepplinger kritisierte in diesem Zusammenhang auch die "übertriebene" Form der Skandalisierung in den Medien. Seit mehreren Jahrzehnten gebe es in Deutschland thematische Skandalwellen - Skandale um Lebensmittel, um Umweltschädigungen oder um Steuerhinterziehung. Hinzu käme, dass sich die Journalisten schon immer an ihren Kollegen orientiert hätten. Diese "Ko-Orientierung" habe sich im Journalismus durch das Internet enorm beschleunigt und ausgeweitet.
Innerhalb weniger Minuten können sich praktisch alle Journalisten im Netz informieren, was die anderen zum Hauptthema machen und wie sie es bewerten. „Dadurch entstehen kollektive Vorstellungen davon, was wichtig und richtig ist, und wer davon abweicht gilt als realitätsblind oder unbelehrbar“, so Kepplinger. Medien und Politiker würden ein geschlossenes System darstellen. Die Themen, die in den meinungsbildenden Medien abgebildet werden, erreicht nur fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung. Neunzig Prozent der Bevölkerung interessiere sich überhaupt nicht dafür. Es ist ein "circulus vitiosus", so Kepplinger.
Der Kommunikationswissenschaftler bemängelte auch, dass die Medien insgesamt die Politik schlecht machen. Ganz unabhängig von der Parteipräferenz der Journalisten würden „negative Nachrichten geradezu zwanghaft in ein noch negativeren Kontext gebettet.“ Für ihn stellt auch die zunehmende Vermischung von Nachrichten mit Meinungsartikeln eine Manipulation dar.
Fleischhauer und Ulrich konnten dem beipflichten: Ulrich kritisierte, dass "im Moment die Maximal-Kritik eine Hauptpest ist." Fleischhauer konstatierte, er bemerke manchmal einen Journalismus "nah am Wahnsinn."
In dieser Frage waren sich alle einig: Die Leser, Hörer und Zuschauer. Ulrich betonte: "Wir müssen das Beste liefern". Allein schon vor dem Hintergrund, dass auch die Medien eine Gesamtverantwortung tragen: Für das Gemeinwohl und die Orientierung der Bürger.
Der politische Diskurs ist lebendiger denn je. Und vielleicht auch deshalb, weil die eingangs zitierte „überwiegende Besetzung der Redakteursbüros in den bundesdeutschen Medien durch Linke“ in Zeiten des Internet mehr und mehr an Bedeutung verliert.
Als Diskussionsforum für aktuelle Fragen und Zukunftsthemen schlägt der Liberale Salon gleichzeitig eine Brücke zur Grundsatzdebatte. Bringen auch Sie sich ein - beim nächsten Liberalen Salon in Berlin oder jetzt gleich unter www.chancen-fuer-morgen.de MEHR ZUM THEMA:
Dabei ging es um die Selbstwahrnehmung von Journalisten und Politikern, welchen Veränderungen sind Journalisten durch die digitalen Medien ausgesetzt, wie wirkt sich das auf die politische Berichterstattung aus und nicht zuletzt die Frage: Wer kontrolliert eigentlich die 4. Gewalt? Alles Fragen, die nicht abschließend geklärt werden konnten, aber einen erhellenden Einblick in die Rollenverteilung zwischen Politikern und Journalisten in unserer Demokratie zuließen.
Dafür sorgte das hochkarätig besetzte Podium: "Der Spiegel"-Autor Jan Fleischhauer, der stellvertretende Chefredakteur "Die Zeit" Bernd Ulrich und Dr. Hans Mathias Kepplinger, Professor für Empirische Kommunikationsforschung am Institut für Publizistik der Universität Mainz. Während erstere unterschiedliche Ansätze vertraten und immer wieder durchblitzen ließen, dass hier zwei Journalisten sitzen, die die Interessen ihrer konkurrierenden Blätter vertreten, holte Kepplinger alle durch seine empirischen Studien wieder auf den Boden der Tatsachen.Machtverlagerung von der Politik auf die Medien
Der frühere Assistent von Elisabeth Noelle-Neumann und mit ihr ein Wegbereiter der Mainzer Schule beobachtet die Medienlandschaft in Deutschland seit 40 Jahren und konstatierte: "Anfang der 70er Jahre waren die Eliten in Politik und Medien übereinstimmend der Meinung, dass die Politik mehr Macht hat als die Medien. Knapp vierzig Jahre später, 2008, waren die Bundestagsabgeordneten und die Hauptstadtkorrespondenten übereinstimmend der Meinung, dass die Medien mehr Einfluss auf die Politik haben als die Politik auf die Medien." Aus Sicht der Führungseliten in beiden Bereichen habe es demnach eine Machtverlagerung von der Politik auf die Medien gegeben. Die Hauptstadtjournalisten wollten dagegen die eindeutige Übermacht - also noch mehr Macht für die Medien und noch weniger für die Politik. "Hier zeigt sich ein Machtanspruch, der mit den Grundlagen einer repräsentativen Demokratie nur schwer vereinbar ist", so Kepplinger.
Politische Haltung hindert uns nicht, unseren Job zu machen
Jan Fleischhauer, Karl-Hermann-Flach-Preisträger 2010, hat es mit seinem Bestseller "Unter Linken" geschafft, dass mal Linke nicht über den Rest der Republik lachen, sondern umgekehrt. Er sagt: "In der Meinungswirtschaft, in der ich mein Geld verdiene, gibt es praktisch nur Linke." Fleischhauer hat in seinem Buch den Beleg gleich mitgeliefert. Bei einer redaktionsinternen Abstimmung in der eher als konservativ-liberal angesehenen ‚Welt’ lag Rot-Grün „mit weitem Abstand vorn." Gleichwohl hat er kein Problem damit, dass Journalisten politische Überzeugungen haben. "Hindert uns die politische Voreingenommenheit, die politische Haltung oder die politische Richtung, der wir zuneigen, unseren Job zu machen? Ich glaube nicht."Fleischhauer wirft seinen Kollegen jedoch „einen klassischen Fall von Selbstadelung“ vor: „Ich lese immer, dass die Medien die ‚vierte Gewalt‘ seien, im Grundgesetz steht davon allerdings nichts.“
Journalisten haben dank Internet die Rolle des Gatekeepers verloren
Bernd Ulrich, der seine berufliche Laufbahn als Mitarbeiter beim Fraktionsvorstand der Grünen im Deutschen Bundestag begonnen hat, wiederum sucht bei der Wechselwirkung von Politik und Medien die Schuld bei den Politikern: „Wenn die Politiker schlechte Politik machen oder gute Politik schlecht erklären, dann verblöden auch die Medien und keiner kauft uns mehr.“
Er erkennt einen Qualitätsverlust der Nachrichten ebenso an wie die Tatsache, dass sich die Medien zu einem eigenen Machtfaktor entwickelt haben. Im Gegensatz zu Kepplinger sieht er die Medien dabei aber als reaktiv und nicht politisch motiviert an. Auch beim Thema Politikverdrossenheit sieht er im Gegensatz zu Kepplinger die Medien durchaus als Katalysator, aber nicht als Teil des eigentlichen Problems.
Ulrich wies auch daraufhin, dass sich die Medienwelt durch den Online-Journalismus gewandelt hätte: "Der Journalist ist nicht mehr der Gatekeeper, denn die Stadtmauer fehlt." Durch das Internet hätte jeder Leser jederzeit alle Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Für Ulrich ist das aber ein Gewinn.
Machtverschiebung von der Politik hin zu den Medien
Kepplinger, der sich seit geraumer Zeit der Frage von Rationalität von Politik und Medien widmet, ging sowohl mit Politikern als auch Journalisten hart ins Gericht. Die These des Kommunikationswissenschaftlers: Viele Journalisten überschätzen sich selbst und haben eigene Machtfantasien. Den Politikern wiederum attestierte er, dass diese sich durch das tägliche Verfolgen der Berichte von den Medien leiten lassen würden. Damit sei der direkte Einfluss der Medien auf Politiker größer als ihr indirekter Einfluss über die Wahlbevölkerung.
Der Professor bestätigt aber auch die These von Fleischhauer zur überwiegenden Besetzung der Redakteursbüros in den bundesdeutschen Medien durch Linke. Studien belegen, dass die Mehrheit der Journalisten in den meinungsbildenden Medien eher der politischen Linken zuneigen, während die Mehrheit in der Bevölkerung im Vergleich dazu eher rechts davon steht, mit der Konsequenz, dass die meinungsbildenden Medien vor allem kontroverse Themen nicht so darstellen, wie die Bevölkerung sie sieht.
Medien und Politik: Ein circulus vitiosus
Kepplinger kritisierte in diesem Zusammenhang auch die "übertriebene" Form der Skandalisierung in den Medien. Seit mehreren Jahrzehnten gebe es in Deutschland thematische Skandalwellen - Skandale um Lebensmittel, um Umweltschädigungen oder um Steuerhinterziehung. Hinzu käme, dass sich die Journalisten schon immer an ihren Kollegen orientiert hätten. Diese "Ko-Orientierung" habe sich im Journalismus durch das Internet enorm beschleunigt und ausgeweitet.
Innerhalb weniger Minuten können sich praktisch alle Journalisten im Netz informieren, was die anderen zum Hauptthema machen und wie sie es bewerten. „Dadurch entstehen kollektive Vorstellungen davon, was wichtig und richtig ist, und wer davon abweicht gilt als realitätsblind oder unbelehrbar“, so Kepplinger. Medien und Politiker würden ein geschlossenes System darstellen. Die Themen, die in den meinungsbildenden Medien abgebildet werden, erreicht nur fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung. Neunzig Prozent der Bevölkerung interessiere sich überhaupt nicht dafür. Es ist ein "circulus vitiosus", so Kepplinger.
Der Kommunikationswissenschaftler bemängelte auch, dass die Medien insgesamt die Politik schlecht machen. Ganz unabhängig von der Parteipräferenz der Journalisten würden „negative Nachrichten geradezu zwanghaft in ein noch negativeren Kontext gebettet.“ Für ihn stellt auch die zunehmende Vermischung von Nachrichten mit Meinungsartikeln eine Manipulation dar.
Fleischhauer und Ulrich konnten dem beipflichten: Ulrich kritisierte, dass "im Moment die Maximal-Kritik eine Hauptpest ist." Fleischhauer konstatierte, er bemerke manchmal einen Journalismus "nah am Wahnsinn."
Wer kontrolliert denn nun die 4.Gewalt?
In dieser Frage waren sich alle einig: Die Leser, Hörer und Zuschauer. Ulrich betonte: "Wir müssen das Beste liefern". Allein schon vor dem Hintergrund, dass auch die Medien eine Gesamtverantwortung tragen: Für das Gemeinwohl und die Orientierung der Bürger.
Der politische Diskurs ist lebendiger denn je. Und vielleicht auch deshalb, weil die eingangs zitierte „überwiegende Besetzung der Redakteursbüros in den bundesdeutschen Medien durch Linke“ in Zeiten des Internet mehr und mehr an Bedeutung verliert.
Hintergrund
Als Diskussionsforum für aktuelle Fragen und Zukunftsthemen schlägt der Liberale Salon gleichzeitig eine Brücke zur Grundsatzdebatte. Bringen auch Sie sich ein - beim nächsten Liberalen Salon in Berlin oder jetzt gleich unter www.chancen-fuer-morgen.de MEHR ZUM THEMA:





Kommentare
Ergänzung
Die Anordnung der medialen Berichterstattung ist zwar manchmal etwas merkwürdig, so befindet sich zb. die Mitteilung über die Einigung zur Steuererleichterung in der Koalition in Augenhöhe mit der Mitteilung von Frau Lauthäuser- Schnarrenbergers Information über ein Öffnungswunsch gegenüber der SPD. Nur kann man den Medien dafür einen Vorwurf machen? Ich denke mal nicht. Denn wenn eine Ministerin zu einem so unglücklichen Zeitpunkt eine derartige Äußerung tätigt ist das einfach nur unmöglich, und absolute Kompetenzüberschreitug. Das heißt nicht, daß man darüber nicht nachdenken sollte, aber nicht unbedingt in der Öffentlichkeit zu so einem Zeitpunkt. Affetierte Schnellschüsse werden von den Medien natürlich weitergegben. Aber es liegt doch an dem Politiker selber, was er zu welchem Zeitpunkt sagt, oder lieber nicht sagt. Auch Herr Hahns spontane Äußerung zur dänischen Grenzkontrolle ist in den Medien von den Kommentatoren , das sind die Bürger vor Ort belächelt worden. Bitte keine unüberlegten medialen Schnellschüsse aus dem Bund oder den Ländern. Es ist für einen FDPler vor Ort wie ein Dolchstoß.