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  • Stiftung für die Freiheit | 5. Berliner Rede zur Freiheit

    Sloterdijk: Die Raserei des Einheitsgedankens

    Das dicht besetztes Atrium in der Repräsentanz der Allianz

    (11.04.2011) Unsere "individualistischen Massengesellschaften" seien deshalb so erstaunlich, "weil sie inzwischen unzählige Individuen mit Subjektivitätserfahrung beherbergen" – und die "Erfahrung von glücklicher Unbrauchbarkeit" erlauben. So schilderte der Philosoph Peter Sloterdijk bei der 5. Berliner Rede zur Freiheit am Mittwoch seine Gegenwartserfahrung. Er forderte, die „Sache der Freiheit" zu verteidigen, indem man daran arbeite, das Wort Liberalismus wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen.

Sloterdijk forderte dem Publikum, wie es nicht anders zu erwarten war, volle Konzentration ab. Mit Erfolg – lediglich von Zwischenapplaus an der einen oder anderen Stelle unterbrochen, war es von der ersten bis zur letzten Minute ruhig, viele Zuhörer schlossen die Augen, um sich voll und ganz auf den Redner zu konzentrieren. Sloterdijk bot genau das, was Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit angekündigt hatte – ein ''intellektuelles Vergnügen, das aber sicher auch mit Anstrengungen verbunden ist."

Von der Entscheidung zur kollektiven Stressvermeidung...



In seiner Rede zum Thema „Stress und Freiheit“ thematisierte der Philosoph Sloterdijk auf welche Weise das menschliche Dasein sich stets, aktuell oder potentiell, mit zwei Gestalten von Unfreiheit auseinanderzusetzen habe: als politische Unterdrückung oder als Bedrückung durch die Realität, „die man zu recht oder unrecht die äußere nennt“. Sie lassen sich als Varianten von Stress-Erleben beschreiben: "Politische Repression bildet ein Stress-System, das solange Erfolge vorweist, wie die Unterdrückten sich eher für Stressvermeidung – umgangssprachlich: Gehorsam, Ergebung, Dienstbereitschaft – entscheiden als für Auflehnung und Revolution."

Peter Sloterdijk
Peter Sloterdijk
Die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, seien demnach in erster Linie als stress-integrierte Kraftfelder zu begreifen, genauer als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme, so Sloterdijk. "Diese haben Bestand nur in dem Maß, wie es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren spezifischen Unruhe-Tonus zu halten." Deswegen seien die modernen Informationsmedien unentbehrlich. "Allein sie sind imstande, mit einem unaufhörlich strömenden Angebot an Irritationsthemen die auseinanderdriftenden Kollektive mit Gegenspannungen zu verklammern." Die Nation sei ein tägliches Plebiszit, doch nicht über die Verfassung, sondern über die Priorität der Sorgen. Er warnte vor diesem Hintergrund, dass eine solche massenhafte Freisetzung von Subjektivität auf eine "Katastrophe des Sozialen" hinaus laufen könne.

Unter einem neuen Zwischentitel berichtete Sloterdijk dann von der "Reaktion des Realen" auf diese Entwicklung. Die Wirklichkeit in der Moderne sei ein Konstrukt, aber gerade nicht ein Konstrukt des Subjekts, sondern ein Konstrukt von Verteidigern der Objektivität, das zu keinem anderen Zweck diene als dem, die Evasion des Subjekts aus der gemeinsamen Stress-Wirklichkeit zu verhindern.

...zum Stolz der Erhebung über die Gewöhnlichkeit



Als Gegenentwurf nannte Sloterdijk die Hinwendung zur Selbstbelastung, das, was Jean-Paul Sartre mit dem Begriff „Engagement“ bezeichnet habe. Die Quelle von Selbstbelastung vor dem Hintergrund von disponibler Freiheit sei der Stolz, das heißt "jene leichte Erhebung über die Gewöhnlichkeit, die die Griechen thymós nannten. Sie bezeichneten damit einen inneren Regungsherd, der Menschen motiviert, sich ihrer Mitwelt als Inhaber gebender Tugenden zu offenbaren."

Freiheit sei nur ein anderes Wort für Vornehmheit, das heißt für die Gesinnung, die sich unter allen Umständen am Besseren, am Schwierigeren orientiert, eben weil sie frei genug ist für das weniger Wahrscheinliche, das weniger Vulgäre, das weniger Allzumenschliche. "In diesem Sinn ist Freiheit Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche."

Schließlich wandte sich Sloterdijk einer "intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus" zu. Es gelte, die beiden Tyranneien zurückzudrängen: diejenigen, die "das Gesicht eines Despoten tragen, und die anonyme, die sich als jeweils herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte." Die bekennenden Realisten hätten recht, wenn sie auf der Verpflichtung zum Wirklichkeitssinn bestünden. "Die wahren Liberalen fügen den Möglichkeitssinn hinzu: Sie erinnern uns daran, dass wir nicht wissen können, was alles noch möglich wird, wenn Menschen Wege finden, sich aus den kollektiv verfertigten Zwangskonstruktionen zu lösen." Was die Verteidigung der Freiheit angehe, so sei sie ein Projekt, das nicht ohne Partei und nicht ohne Parteilichkeit auskomme.

Liberalismus zum Synonym für Generosität machen



"Wir verteidigen die Sache der Freiheit", schloss Sloterdijk, "indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen – und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert." MEHR ZUM THEMA:

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