FDPWiderspruchslösung bei der Organspende

Organspende ist eine Gewissensentscheidung

OrganspenderasuweisStärkung der Organspende ja – Widerspruchslösung nein

Weitgehend unumstritten ist im Bundestag, dass sich bei der Organspende etwas ändern muss. Jetzt haben Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Abgeordnete mehrerer Parteien einen neuen Gesetzentwurf zur Organspende vorgestellt, der die doppelte Widerspruchslösung vorsieht. Damit wäre jeder erst einmal automatisch ein potenzieller Spender - es sei denn, er oder sie widerspricht aktiv. Die Freien Demokraten sehen in dem Thema Organspende eine Gewissensentscheidung. FDP-Chef Christian Lindner lehnt persönlich die doppelte Widerspruchslösung ab. "Das ist ein Einschnitt in die freie Selbstbestimmung der Menschen", unterstreicht Lindner, der selbst Organspender ist. Er wünscht sich zugleich eine offene Debatte. "Das ist ein Thema, das sehr an das eigene Gewissen jeder, jedes Abgeordneten rührt", gibt auch FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zu bedenken.

Deswegen werde es im Deutschen Bundestag sicherlich unterschiedliche Gruppenanträge zu dieser Thematik geben, ergänzt Beer. So haben FDP-Abgeordnete beispielsweise als Teil einer fraktionsübergreifenden Gruppe einen Gegenentwurf erarbeitet: Er sieht mehr Informationen und Handlungsmöglichkeiten vor. So könnten Bürger ihre Haltung zur Organspende etwa beim Abholen des Personalausweises in ein Zentralregister eintragen lassen. Auch sollen Hausärzte regelmäßig über Organspende beraten, denn sie verfügen über das nötige Fachwissen und genießen das Vertrauen ihrer Patienten.

Beer ist sich sicher, dass man die Spendenbereitschaft verbessern kann: "Zum Beispiel indem verbindlicher abgefragt wird. Das ist momentan noch vielfach dem Zufall überlassen, ob ich mit der Nachfrage meiner Spendenbereitschaft überhaupt konfrontiert werde." Eine höhere Bereitschaft sei ihrer Ansicht nach auch zu erreichen, indem man die Verhältnisse in den Krankenhäusern verbessere und spezialisierte Teams zusammenstelle. Sie glaube, dass die Entscheidung, ob jemand Organspender werde oder nicht, bei vielen Menschen auch etwas damit zu tun habe, dass die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems durch Skandale und Vorgänge in der Vergangenheit infrage gestellt worden sei. "Wir setzen auf aufgeklärte, mündige und auch verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger, die man gerne verpflichtend bei allen möglichen Behördengängen danach fragen und auch bitten kann, eine entsprechende Äußerung abzugeben", so Beer

Widerspruchslösung beschneidet das Selbstbestimmungsrecht

Christian Lindner ist Organspender

Auch FDP-Chef Christian Lindner befürwortet eine Lösung, bei der sich die Menschen aus freiem Willen für die Organspende entscheiden: "Ich bin Organspender und überzeugt davon, dass das richtig ist, wenn man seine Organe zur Verfügung stellt für Menschen, deren Leben dann gerettet werden kann. Aber diese Entscheidung muss von jedem selbst getroffen werden." Um die Bereitschaft dafür zu steigern, könnten die Kampagnen intensiviert werden.

Eine Möglichkeit sei, Menschen bei Behördengängen nach ihrer Spendenbereitschaft zu fragen: "Ich kann mir vorstellen, dass bei Behördengängen regelmäßig gefragt wird, ob man sich schon einmal mit der Frage der Organspende beschäftigt hat. Und wenn man sich mit ihr beschäftigt hat und kam zu einem negativen Ergebnis, dann muss man das auch akzeptieren." Denn: "Wir sind ein freiheitliches Land. Deshalb sollte die individuelle Selbstbestimmung auch hoch geachtet und respektiert werden."

 

Organspenden retten Leben

Hermann Otto Solms wiederum gehört der Gruppe an, die den fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf für eine Widerspruchslösung zur Organspende favorisiert: "Nur mit einer Widerspruchslösung kann man die Menschen dazu bringen, sich damit zu befassen", sagte Solms im BILD-Talk "Die richtigen Fragen". Und weiter: "Ich bin der Meinung, dass der Körper nach dem Tod nicht mehr die Persönlichkeit ist und dass es kein Opfer ist, seinen Körper zur Verfügung zu stellen. Es ist ein schöner Gedanke, dass man mit seinem Tod noch einem Menschen hilft, weiterzuleben."

Stärkung der Organspende ja – Widerspruchslösung nein

FDP-Vize Marie-Agnes Strack-Zimmermann findet, die Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Spahn wird der komplexen Situation nicht gerecht: "Der Staat kann so eine Entscheidung nicht übernehmen. Beim Datenschutz zum Beispiel muss der Bürger immer positiv bestätigen, da können wir das bei einer so persönlichen Entscheidung nicht anders machen“, so Strack-Zimmermann. Das Selbstbestimmungsrecht – möchte ich Organe spenden? – sei insbesondere bei solch einer gravierenden Entscheidung, die über das eigene Lebensende hinaus geht, ein extrem kostbares Gut, das nicht verletzt werden dürfe.

Sie hält eine umfassende, niedrigschwellige Aufklärung für unumgänglich: "Da sind auch unsere Kommunen gefragt: Bei jedem Behördengang, bei Beantragung von Personalausweis, Führerschein oder Wohngeld, kann die Gelegenheit genutzt werden, um den Bürger oder die Bürgerin auf die Möglichkeit der Organspende hinzuweisen. Wieso gibt man zusammen mit dem neuen Personalausweis nicht direkt einen Organspendeausweis zum Selbstausfüllen mit?“ Auch Ärzte und Krankenkassen könnten aufklären und ihre Patienten anregen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Zum Beispiel könnten auch einzelne Organe von der Spende ausgenommen werden – und die eigene Entscheidung auch jederzeit wieder geändert werden. Sie selbst besitzt schon seit vielen Jahren einen Organspendeausweis. "Für mich war das wichtig. Außerdem wollte ich meiner Familie diese Entscheidung nicht zumuten“, erklärt sie dazu.

Kommentare (9)

Andreas Kroll
06.04.2019 - 14:31
Es ist sicher richtig, dass man die Bürger zum Thema Organspende befragen muss. Aber jeden automatisch zum Organspender zu machen, außer er geht aktiv dagegen vor, ist falsch. Der Staat darf nicht diese Entscheidung für jeden Bürger fällen, welche aktiv in den Sterbeprozess eingreift. Und für eine Organspende muss der Körper noch am leben sein. Die Organspende ist nur durch das Konstrukt Hirntot möglich und der Körper stirbt im Verlauf der Organentnahme. Eine mögliche Lösung ist, bei der Beantragung des Personalausweises, Informationen zum Thema Organspende auszuhändigen mit dem Hinweis, dass der Ausweis nur abgeholt werden kann, wenn man sich entscheidet. Die Antwort Ja, Nein oder nur bestimmte Organe, kann dann von dem Beamten ohne Wertung in einem Register hinterlegt werden. So muss sich jeder entscheiden und auch Ablehnungen sind registriert und laufen nicht unter der Kategorie, dass der Bürger nur keine Lust hatte sich mit dem Thema auseinander zu setzten.
Paul Kunz
05.04.2019 - 22:07
Die Haltung der FDP zur Organspende Widerspruchslösung ist unglaublich, weil Sie eigentlich die Partei der Fleißigen, der Verantwortungsvollen sein will. Sie streitet aber für die Bequemen, die sich drücken wollen, sich mit dem wichtigen Thema zu befassen. Da wird gefaselt, man könnte Aufklärung betreiben, z.B. auch bei der Abholung des Personalausweises. Und das, wo bereits Ausweise am Automaten abgeholt werden. Wie so oft wird an dem Thema vorbei diskutiert. Das Thema heißt einzig und allein; Leben retten. Die FDP spricht mal wieder von Freiheit und Selbstbestimmung, koste es was es wolle. Und hier kostet es Leben. Dass in den allermeisten Ländern in Europa, schon seit Jahren die Widerspruchslösung zur Organspende besteht, interessiert die Widerständler nicht. Als Mitglied der FDP kann ich mich nur schämen, für die aktuelle Führung. Mein einziger Trost ist, dass ein „Altliberaler“ wie Hermann Otto Solms seinen Realitätssinn bewahrt hat und sich für die „Gute Sache“ einsetzt. Respekt.
Ina Albowitz-Freytag
04.04.2019 - 10:42
Ich befürworte den Vorschlag der Widerspruchslösung ., denn nur mit der Auseinandersetzung dieses schwierigen Themas kommt es zu der Entscheidung ob " ich spenden will oder nicht ". Bei Fragen aus ethischer oder religöser Sicht , will ich nicht mit dem - Einwohnermelde- oder Straßenverkehrsamt - diskutieren , sondern mit meinem Hausarzt oder dem Geistlichen meiner Gemeinde.
Gerhard Nothhaft
04.04.2019 - 00:45
Ich befürworte diese "doppelte Widerspruchslösung". Wir alle sind Erwachsene und des Lesens und Schreibens mächtig. Niemandem wird verweigert, eine Organspende für sich selbst auszuschließen. Ich bin überzeugt, dass für die Masse der Menschen das Thema erst gar nicht relevant erscheint oder einer "späteren" Entscheidung vorbehalten sein sollte. Dabei ist doch die Möglichkeit, als potentieller Spender in Frage zu kommen eigentlich verschwindend gering. Man darf ja nicht einer natürlichen Todes gestorben sein, sondern muss durch einen Unfall als "gesund" aber Hirntod von mehreren Ärzten zertifiziert werden, bevor es zu einer möglichen Organentnahme kommen kann. Wenn ich "de facto" als Hirntod eingestuft wurde, dann sollen meine Organe durchaus noch einen lebensrettenden Sinn erfüllen. Daran gib es doch nichts zu deuteln.
Rainer Blasczyk
03.04.2019 - 20:35
Die hier dargestellte Auffassung der FDP entspringt eher ideologischem Gedankengut als tiefgründigen Überlegungen. Die Widerspruchslösung mag in die Selbstbestimmung eingreifen, weil sie die Last auferlegt, sich zu erklären. Dies kann aber wegen der dem Staat auferlegten Schutzpflicht des menschlichen Lebens als vollkommen verhältnismäßig angesehen werden. Ein Recht auf Gleichgültigkeit gegenüber der existentiellen Bedrohung anderer Menschen ist auf jeden Fall nicht vorgesehen. Bei allen Bedenken, die gerne gegen die Widerspruchslösung ins Feld geführt werden, muss bedacht werden, dass vor allem die jetzige Situation ethische Probleme mit sich bringt: Sie nötigt Menschen zur Lebendspende, nötigt Ärzte zur Transplantation suboptimaler Organe und führt zum Import von Organen aus dem Ausland. Dies geschieht ohne jegliche Bedenken, auch wenn die importierten Organe unter den Regelungen einer Widerspruchslösung entnommen worden sind. Diese deutsche Doppelmoral kann nicht die Lösung sein.
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