FDPSterbehilfe

Bundestag hat Menschen die Selbstbestimmung erschwert

PflegeDas neue Gesetz zur Sterbehilfe wirft viele Fragen auf
07.11.2015 - 11:35

Geschäftsmäßige Sterbehilfe wird in Deutschland verboten. Nach einer eindringlichen Debatte setzte sich im Bundestag am Freitag ein entsprechender Gesetzentwurf gegen heftige Kritik durch. "Der Deutsche Bundestag hat heute Menschen die Selbstbestimmung am Lebensende erschwert", hadert FDP-Chef Christian Lindner mit dieser Entscheidung. Er ist der Ansicht: "In einer aufgeklärten Gesellschaft, die die Würde des Einzelnen im Zentrum haben muss, war dies die denkbar schlechteste Entscheidung." Der Staat solle nicht zum Leben nötigen, wenn so gegen den Willen eines Menschen Not, Leid und Schmerz verlängert werden.

Für den Freidemokraten wirft das neue Gesetz zur Sterbehilfe viele Fragen auf - "und bringt Medizinern Unsicherheit." Das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient werde belastet, die Arbeit von Palliativmedizinern und Hospizen gerate in rechtliche Grauzonen, führt Linder aus. Er kritisiert: "Das neue Gesetz schafft leider weniger Selbstbestimmung als das bisherige."

Der Deutschen Bundestages hat heute Menschen die Selbstbestimmung am Lebensende erschwert. In einer aufgeklärten...

Posted by Christian Lindner on Freitag, 6. November 2015

Strafrecht schafft keinen gesellschaftlichen Konsens

Auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger reagierte enttäuscht auf den Beschluss des Bundestages: "Die neuen Regelungen zur Sterbehilfe werden leider nur Verunsicherung schaffen, weil in der existentiell schwierigsten Situation künftig das Damoklesschwert des Strafrechts schwebt. Ärzten, Patienten und Angehörigen bürdet das neue Gesetz in der ohnehin schon schweren Situation unnötige Rechtsunsicherheiten auf." Künftig sei es für den Arzt kaum noch möglich, straffrei Suizidbeihilfe zu praktizieren, um so den Willen des Patienten in seiner letzten Lebensphase umzusetzen, warnt die Juristin.

Sie meint: "Wenn ein Mensch die reflektierte und endgültige Entscheidung zur Beendigung seines Lebens trifft, sollte das respektiert werden." Selbstbestimmung und die Unantastbarkeit der Menschenwürde seien Werte, die auch im letzten Lebensabschnitt gelten müssten. "Der Bundestag kann die schwierigsten ethischen Fragen, die unsere Gesellschaft kennt, nicht einfach mit Mehrheit beantworten. Die Debatte wird damit längst nicht beendet sein."

Strack-Zimmermann kritisier die Neuregelung

Auch FDP-Vize Marie-Agnes Strack-Zimmermann bezog Stellung: "Die heutige Entscheidung des Bundestages zur Neuregelung der Sterbehilfe beschämt mich. Ich kann nur wiederholen, dass kein Mensch und kein Politiker anderen Menschen vorzuschreiben hat, wie sie zu sterben haben und bis zu welchem Punkt Leid erträglich ist. Hilfe von Menschen, die ohne kommerzielle Interessen das Leid der Betroffenen lindern wollen, zu bestrafen, ist unmenschlich."

Die heutige Entscheidung des Bundestages zur Neuregelung der #Sterbehilfe beschämt mich. Ich kann nur wiederholen, dass...

Posted by Marie-Agnes Strack-Zimmermann on Freitag, 6. November 2015

Kommentare (1)

W. Andreas Beischall
10.11.2015 - 18:59
Lindner, L.-Schnarrenberger, Strack-Zimmermann und Beer kann ich nur zustimmen. Mir fehlt aber aus liberaler Sicht noch ein wichtiger Aspekt. Der Chor der Schönredner verteufelt kommerzielle Interessen und gewerbsmäßige Sterbehilfe. Die meisten Mitbürger müssen für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Nicht nur Löhne und Gehälter sind „ehrliches Einkommen“, auch die Gewinneinkommen von Selbständigen: Anwälten, Ärzten, Handwerkern, Steuerberatern und anderen Unternehmern sind „ehrliche Einkommen“, auch wenn die Betroffenen bei der Erzielung kommerzielle Interessen haben oder gewerbsmäßig handeln (müssen). Wir sollten die Ehrlichkeit und die Moral einer Hilfe nicht davon abhängig machen, dass sie kostenlos ist. Und die „Sterbeindustrie“ müsste es nicht geben, wenn Befugte nach ihrem Gewissen entscheiden dürften, wie sie dem Leidenden helfen können. Wenn dem Leidenden nicht mehr zum menschenwürdigen Weiterleben geholfen werden kann, dann als letzter Dienst die Hilfe zum Suizid.
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