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Widerspruchslösung ist Deformation der Selbstbestimmung

Die Freien Demokraten sehen die Widerspruchslösung bei der Organspende kritischDie Freien Demokraten sehen die Widerspruchslösung bei der Organspende kritisch

Der FDP-Chef Christian Lindner reagiert mit Kritik auf den Vorstoß des Gesundheitsministers Jens Spahn, der die Widerspruchslösung bei der Organspende ins Gespräch brachte. Nach dieser werden auch Verstorbene ohne Spenderausweis automatisch zu Spendern, wenn sie nicht zu Lebzeiten widersprochen haben. Zwar sei Lindner selbst Organspender und werbe auch dafür. Er betont jedoch: "In Existenzfragen halte ich eine ausdrückliche Zustimmung ohne einen sonst möglichen Anpassungsdruck für besser."

Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg hat Spahns Vorschlag mit Verweis auf den massiven Eingriff in die Freiheit des Einzelnen zurückgewiesen. Als Gegenvorschlag brachte Garg die Entscheidungslösung ins Spiel. Jeder müsse dann beim Behördengang erklären, ob er ein Organspender sein wolle oder nicht. Garg sprach von einer verpflichtenden Entscheidungslösung, die bisher so nicht existiert. Auch FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer verwies auf diese Möglichkeit.

Spahn plädiert für die Widerspruchslösung mit Einspruchsrecht. Bei diesem werden bei fehlendem Widerspruch noch Angehörige befragt. Diese Form findet Anwendung in Belgien, Finnland, Litauen und Norwegen. In Deutschland ist die Organspende nur dann möglich, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten aktiv einer Organspende zugestimmt hat.

Kommentare (20)

Rainer Blasczyk
04.04.2019 - 09:22
Die hier dargestellte Auffassung der FDP entspringt eher ideologischem Gedankengut als tiefgründigen Überlegungen. Die Widerspruchslösung mag in die Selbstbestimmung eingreifen, weil sie die Last auferlegt, sich zu erklären. Dies kann aber wegen der dem Staat auferlegten Schutzpflicht des menschlichen Lebens als vollkommen verhältnismäßig angesehen werden. Ein Recht auf Gleichgültigkeit gegenüber der existentiellen Bedrohung anderer Menschen ist auf jeden Fall nicht vorgesehen. Bei allen Bedenken, die gerne gegen Widerspruchslösung ins Feld geführt werden, muss bedacht werden, dass vor allem die jetzige Situation ethische Probleme mit sich bringt: Sie nötigt Menschen zur Lebendspende, nötigt Ärzte zur Transplantation suboptimaler Organe und führt zum Import von Organen aus dem Ausland. Dies geschieht ohne jegliche Bedenken, auch wenn die importierten Organe unter den Regelungen einer Widerspruchslösung entnommen worden sind. Diese deutsche Doppelmoral kann nicht die Lösung sein.
Jan A. Meyer-Diekena
01.04.2019 - 23:22
Christian Lindner hat sich als freiwilliger Organspender geoutet. Das ehrt ihn und unterstreicht zugleich seine überzeugend dargelegte Meinung als Liberaler zu der Gesetzesinitiative ( Widerspruchsmodell ) von schwarz /rot. Ich teile seine Einschätzung, dass es jedem Menschen auch künftig freistehen muss allein darüber zu entscheiden ob er seine Organe nach seinem Tode spenden will. Die von Spahn und Lauterbach in die Diskussion gebrachte Zwangsentnahme von Organen Verstorbener, sozusagen als menschliche Ersatzteillager, ist verwerflich, menschenverachtend und widerspricht zudem unserem Grundgesetz , Recht auf Menschenwürde und Recht auf Selbstbestimmung . Der von den Protagonisten hochgehängte Zweck heiligt auf gar keinen Fall die Mittel. - Einstampfen und schnell vergessen-.
Peter Martens
12.09.2018 - 12:14
Der Vorschlag von Herrn Spahn ist sicherlich zu diskutieren und beinhaltet nicht alle Interessen. Aber er bringt endlich Bewegung in dieses brisante, aber auch längst überfällige Thema. Seit vielen Jahren bin ich Organspender, auch immer noch, trotz der Skandale die da waren. Die große Masse der auf eine Organspende wartenden Empfänger kann da überhaupt nichts für. Lieber 10 Leben retten, auch wenn dabei ein Unberechtigter ist, als alle sterben zu lassen. Organspende kostet dem Geber nichts, ist aber eine der größten Taten in seinem Leben. Die FDP hätte dieses Thema auch aufgreifen können, um damit soziale Kompetenz für sich zu reklamieren. Opposition bedeutet für mich nicht nur Kritik üben, sondern kreative Themen zu entwickeln, die auch von der Mehrheit von der Bevölkerung als wichtig angesehen werden und das Image des immer währenden Nörgels in den Hintergrund geraten lässt. Emotionen entfachen und zum Leuchten bringen, dass ist unsere Aufgabe.
Dr. Hans-Martin Helwig
12.09.2018 - 10:57
Sehr geehrter Herr Lindner, Grundsätzlich stimme ich zu, dass Anpassungsdruck wo es geht vermeiden werden sollte. Wir Menschen sind jedoch leider in manchen Belangen einfach etwas träge und im Grunde auch oft egoistisch, deswegen muss man uns manchmal zu etwas zwingen (oder zahlt hier irgendwer seine Steuern gerne?). Und wenn ich auf der einen Seite das Leid derer, die keine Organe abbekommen, gegen die Unanehmlichkeiten derer, die dazu gezwungen werden, sich zu einer klaren Entscheidung durchzuringen, abwäge, dann widert mich Ihre Aussage an!
Rüdiger Meier
11.09.2018 - 16:15
Die Widerspruchslösung ist abzulehnen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Der Staat darf sich nicht anmaßen, über die Körper seiner sterbenden Bürger zu verfügen. Genau das ist aber die Essenz der Widerpruchslösung. Der sterbende Bürger darf von Staats wegen verwertet werden, auch (und gerade dann), wenn er dazu geschwiegen hat. Das ist nicht nur verwerflich, das ist pervers. Man darf sich von der (ehrenwerten) Motivation, mehr Spendenbereite zu generieren, nicht täuschen lassen: Es steht konkret zur Debatte, ob die Menschenwürde (dazu gehört ein Sterben in Würde) gewährleistet wird, also für alle gilt, unabhängig davon ob man sich erklärt oder sich überhaupt erklären kann, oder ob Art. 1 GG auf ein Optionsmodell reduziert wird. Dem Widerspruchsmodell liegt der illiberalste denkbare Ansatz zugrunde: Der Staat darf grundsätzlich auch auf mein Intimstes zugreifen, es sei denn, ich widerspreche vorsorglich. Wenn man das fortdenkt, ist die freiheitliche Grundordnung erledigt.
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