FDPDas aktuelle Interview

Deutschland muss für Pioniere attraktiv sein

Christian LindnerChristian Lindner erklärt im Interview, was Deutschland aus der Erfolgsgeschichte von BionTech lernen kann.
14.01.2021

Der Impfstoff von Biontech ist eine Erfolgsgeschichte - aber sie ist leider nicht exemplarisch für Deutschland, sondern eine "Inspiration für Deutschland, wie es sein könnte", meint FDP-Chef Christian Lindner. "Zwei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte durchlaufen unser Bildungssystem, werden Spitzenforscher, gründen ein Unternehmen, schaffen Arbeitsplätze und entwickeln mit Gentechnik eine für die Menschheit segensreiche Innovation." Diese Geschichte gebe Hoffnung, was wir alles schaffen könnten. Lindner sagt: "Wir brauchen mehr Technologie und Forschungsfreiheit und dürfen uns in Sachen Gentechnik nicht ausschließlich von Ängsten leiten lassen." Wie wir das schaffen, darüber hat er mit Focus Online gesprochen.

Schon seiner Rede am Dreikönigstag warb Lindner für mehr Gründergeist und wies auf die Erfolgsgeschichte der Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci hin. Das Unternehmen aus Mainz hatte den ersten zugelassenen Corona-Impfstoff entwickelt. Wenn man sich in Deutschland die Technologie-, Fortschritts- und Unternehmerfreundlichkeit, die Offenheit für kluge Köpfe aus aller Welt, die Bildungsgerechtigkeit oder die Teilhabe von Frauen ansehe, müsse man feststellen: "Biontech ist nicht repräsentativ für Deutschland, wie es ist." Denn immer noch sei Bildung vor allem vom Elternhaus abhängig, seien Frauen in der Forschung unterrepräsentiert und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte hätten oft schlechtere Jobchancen. Aber die Biontech-Erfolgsgeschichte sei "eine Inspiration für Deutschland, wie es sein könnte. Was hält uns davon ab, genau das nun zu verwirklichen?"

Lindner meint: "Wenn wir zukunftssichere Arbeitsplätze wollen, dann muss Deutschland für Pioniere attraktiv sein. Stattdessen gibt es Bürokratismus und Neid." Er wünscht sich erstens mehr Forschungsfreiheit und Technologieoffenheit, zweitens mehr Gründergeist mit besseren Bedingungen für privates Risikokapital und drittens mehr Chancen für Frauen in Spitzenpositionen: "Indem wir Rollenbilder durchbrechen, auch Mädchen schon früher für technische Fragen interessieren und die Vereinbarkeit von Karriere und Beruf verbessern".

Für ihn gehört als vierter Punk ein modernes Einwanderungsrecht für Menschen, die sich etwas aufbauen und beitragen wollen, außerdem auf die Agenda. Und fünftens wünscht er sich ein neues Bildungssystem, "das alle Talente zum Strahlen bringt und nicht länger den Erfolg so stark abhängig von der familiären Herkunft macht." Er ist überzeugt, dass es zwischen den Bundesländern mehr Kooperation und mehr Gemeinsamkeit geben muss.

In Sachen Gentechnik und Forschungsförderung arbeitet Lindner mehrere Schwachpunkte heraus: "Hier haben wir ein doppeltes Problem in Deutschland. Erstens ist es sehr schwierig, große Summen zu mobilisieren. Und zweitens laufen während der langen Entwicklungsphasen mit hohen Risiken im Bio-Bereich enorme Verluste an." Bei der Gentechnik wiederum sah es lange so aus, als sei der Zug aus Deutschland abgefahren. Doch mit Biontech und CureVac gebe es Im Bereich mRNA-Impfstoffe jetzt ein Beispiel, wo andere weniger Vorsprung haben. "Für solche Technologiesprünge brauchen wir Offenheit bei uns."

Lindner schwebt vor: "Die Bundesregierung sollte einen Dachfonds einrichten, der nicht direkt in Unternehmen investiert, sondern nur mit privaten Fonds und Anlagegesellschaften. Diese können dann die öffentlichen Mittel investieren, wenn sie auch eigenes Kapital dazu einbringen. So bleibt die private unternehmerische Kompetenz und Risikoabwägung erhalten, zugleich werden aber mehr private Mittel mobilisiert. Das Ziel ist, eine Brücke zwischen der Nachfrage nach Risikokapital einerseits und den vorhandenen Sparvermögen der Deutschen andererseits zu bauen." Der FDP-Chef warnt: "Bei der Digitalisierung haben wir schon viel verpasst, beim nächsten Megatrend Biologisierung sollten wir das nicht wiederholen."

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